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Der Name meiner Großmutter lautet Lucinda Meldrum«, sagte Allie ruhig. Sylvain hatte schon den Stift gezückt, doch als der Name fiel, erstarrte er und schaute auf. »Deine Großmutter hat denselben Namen wie die Chefin der Weltbank?«
»Lucinda Meldrum ist meine Großmutter.«
Sylvain ließ den Stift sinken und sah sie verwirrt an. »Machst du Witze, Allie? Ich versteh nicht ganz ...«
»Kein Witz, Sylvain«, entgegnete sie. Jetzt da sie es ausgesprochen hatte, fühlte sie sich wie befreit. Ein anderer teilte nun ihr Geheimnis. Je öfter sie es aussprach, desto wirklicher kam es ihr vor. »Es ist leider wahr. Ich bin die Enkelin von Lucinda Meldrum.« Sie deutete auf sein Notizheft. »Schreib’s hin.«
»Ich versteh das nicht«, sagte Sylvain, ohne sich zu rühren. »Wenn das stimmt, wieso weiß dann niemand davon? Ich dachte, du wärst in der ersten Generation hier und gehörst gar
nicht zum Schuladel.« »Ich weiß, alle haben sich ja von Anfang an darüber gewundert, was Allie Sheridan, dieser Nobody, hier auf der supertollen Milliardärsschule Cimmeria verloren hat. Na, jetzt weißt du’s, Sylvain.« Als er darauf etwas erwidern wollte, hob sie die Hand. »Lass gut sein. Schreib einfach den Namen hin. Und dann stell die nächste Frage.«
Sylvain brauchte einen Moment, doch schließlich nahm er den Stift und schrieb die drei Worte: »Großmutter: Lucinda Meldrum.«
Das Ganze schien ihn völlig aus der Bahn geworfen zu haben. Unkonzentriert suchte er in seinen Notizen. »Äh ... Okay, also meine nächste Frage lautet ... Waren einer oder mehrere Familienangehörige Schüler auf Cimmeria?« Er hielt inne und schaute sie belustigt an. »Aber ich weiß gar nicht, ob ich das noch fragen muss ...«
»Meine Mutter war auf Cimmeria«, ging Allie kühl über seine Bemerkung hinweg. »Und meine Großmutter.« Während er sich die entsprechenden Notizen machte, wurde
Allie bewusst, dass sie sich langsam daran gewöhnte, das Wort »Großmutter“ zu benutzen. Es fühlte sich nicht mehr so seltsam an. Sie merkte aber auch, dass sie es irgendwie mit einem gebieterischen Unterton sagte, als würde sie »die Queen« sagen. Allein Lucindas Namen zu erwähnen, verlieh ihr schon Macht.
Während sie sich noch dem Kitzel dieser Entdeckung hingab, stellte Sylvain seine nächste Frage. »Aus welchem Grund bist du nach Cimmeria gekommen? Es war als Strafe gedacht, soweit ich weiß.« Sie konnte es buchstäblich zischen hören, als der Kitzel der Macht sich in Luft auflöste.
Allie sackte tiefer auf ihren Stuhl und begann zu erzählen, wie ihr Bruder plötzlich verschwunden war und wie ihre Eltern in der Folge das Interesse an ihr verloren hatten. Von der Verhaftung im Sommer, als sie in ihre damalige Schule eingebrochen war und die Wände mit obszönen Sprüchen vollgesprayt hatte. Und dass dem zwei Anzeigen wegen Vandalismus und Ladendiebstahl vorausgegangen waren. Davon, wie Mark und Harry in ihrer Gefühlswelt den Platz ihres Bruders eingenommen hatten – nur dass sie ihr nicht bei den Hausaufgaben geholfen, sondern sie in die hohe Kunst der Rebellion eingeführt hatten. Während sie redete, machte Sylvain sich in seiner ordentlichen, präzisen Handschrift Notizen, wobei er sie gelegentlich irritiert ansah, ohne sie je zu unterbrechen. Ein paar Details hätte sie gern geschönt, um selbst in etwas besserem Licht zu erscheinen, so wie sie es immer tat, wenn sie Jo oder Rachel davon erzählte. Doch es gelang ihr einfach nicht. Sie erzählte ihm alles. Und je mehr sie redete, desto besser ging es ihr, als würde die ganze Geschichte von ihr abfallen. Mit jedem Wort wurde die Last auf ihrer Brust weniger schwer.
Als sie fertig war, musterte er sie mit unverhohlener Neugier.
Der silberne Stift funkelte zwischen seinen langen Fingern. »Die Allie, die du da beschreibst, hat nicht viel mit der Allie gemeinsam, die hier vor mir sitzt. Ich erkenne sie nicht wieder.«
»Tja ...«, sagte sie achselzuckend. »Wenn dein Leben den Bach runter geht, gehst du manchmal mit den Bach runter. Hat’s so was in deinem Leben nie gegeben?«
»Nein, jedenfalls nichts Vergleichbares. Ich hab nur ...« Er hielt inne, als suchte er nach den richtigen Worten, doch dann verfolgte er den Gedanken nicht weiter. »Ich bewundere deine
Stärke, Allie. Ich kann unmöglich sagen, was ich getan hätte, wenn ich in deinem Hemd gesteckt hätte, aber ich glaube, ich hätte es nicht so gut hingekriegt.« »Haut«, korrigierte sie ihn automatisch. »Wenn du in meiner Haut gesteckt hättest.« Doch im selben Moment hatte sie plötzlich eine unerwartete Gefühlswallung. Sie wusste nicht, was es war – vielleicht hatte
es damit zu tun, dass sie die alte Sache so aufgewühlt hatte –, doch irgendwie berührten seine Worte ihr Herz.
»Wo wir gerade dabei sind, hast du jemals was von deinem Bruder gehört?«, Sylvains Worte schnitten wie ein Messer durch ihre Träumereien und sie schaute erschrocken auf. »Seit
dem Feuer, meine ich«, fügte er hinzu. Instinktiv steckte sie die Hand in ihre Rocktasche und berührte das inzwischen vertraute dicke Papier von Christophers Brief. Sie versuchte zu sprechen, doch sie brachte keinen Ton hervor.
Dreimal einatmen, zweimal ausatmen ...
»Allie?« Sylvain legte den Kopf zur Seite. »Was ist los? Hast du etwa von ihm gehört?«
»Nein«, sagte sie mit heiserer Stimme. »Nie. Bis ... gestern Abend.« (…)

Schweigend gingen sie zum Gebäude zurück. Das Adrenalin, das verhindert hatte, dass sie die Kälte spürte, verflüchtigte  sich so rasch, wie es gekommen war, und sie begann heftig zu zittern. Als sie Sylvain von der Seite einen Blick zuwarf, stellte sie fest, dass er ebenfalls bibberte. Entschlossen führte er sie zu einer kleinen Tür im Ostflügel.
Als er sie öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen. »Wohin gehen wir?«
»Wenn wir in diesem Aufzug durch den Haupteingang gehen, werden uns die anderen Fragen stellen, die du lieber nicht beantworten möchtest“, sagte er. »Hier kommt man auch rein.« Durch die Tür kam man zu einer kurzen Treppe, die in einen Teil des Kellers führte, in dem sie noch nie gewesen war. Er wirkte unbenutzt – alte Stühle standen wahllos gegen die Wand gestapelt. Flackernde Wandleuchten warfen Schatten, die ihnen im Gang hinterherjagten. Auf halber Strecke öffnete Sylvain eine zweite Tür und betätigte einen Lichtschalter. Eine
schmale Wendeltreppe wurde sichtbar. Allies Zähne klapperten so laut, dass Sylvain es bestimmt hörte. »Das ist eine alte Personaltreppe«, erläuterte Sylvain. »Die gibt’s hier überall. In der Nacht, als es gebrannt hat, haben wir eine andere benutzt, weißt du noch?«
Sie stiegen mehrere Etagen hinauf und gelangten schließlich in einen Gang, in dem es beträchtlich wärmer war. Sylvain führte sie an zwei geschlossenen Türen vorbei. Die dritte öffnete er. Sie betraten ein geräumiges, ordentliches Schlafzimmer. Allie wusste sofort, wo sie waren. Ihr Herzschlag verdoppelte sein Tempo.
Ich kann unmöglich zu ihm aufs Zimmer gehen. Carter bringt mich um. Das ist so was von gar nicht gut. Ich muss hier raus.
Sie rannte dann aber doch nicht zur Tür hinaus, sondern nahm das flauschige warme Handtuch, das er ihr reichte, und begann sich abzutrocknen. Neugierig sah sie sich um. Sein
Schlafzimmer glich den anderen, bis auf ein Detail: ein außer gewöhnliches Gemälde in einem üppigen Goldrahmen, das einen Bewusstlosen zeigte, der von Engeln fortgetragen wurde.
Sylvain folgte ihrem Blick. »Ein Geschenk«, sagte er mit verlegenem Schulterzucken.
Er zog eine Schublade auf, entnahm ihr einen Stoß T-Shirts und Pullover und legte sie aufs Bett. »Zieh die nassen Klamotten aus und was davon an.«
Durch den wirren Vorhang ihrer nassen Haare warf Allie ihm einen finsteren Blick zu. »Du glaubst doch nicht, ich würde mich vor dir ausziehen? Träum weiter.«
Er sah sie amüsiert an. »Sei nicht kindisch. Ich dreh dir den Rücken zu, wenn dir das lieber ist, aber solange du die nassen Klamotten anhast, wird dir nie warm werden. Und du wirst ganz schön auffallen, wenn du auf dein Zimmer gehst.« Ohne ihr Einverständnis abzuwarten, drehte er sich zur Tür.
Eine Weile rührte sie sich nicht. Dnn ließ sie ihr klatschnasses Oberteil auf den Holzboden platschen. Den BH hätte sie gern anbehalten, aber er war ebenfalls durchnässt.
»Dreh dich ja nicht um«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Sein Kichern überraschte sie. »Wenn du dich nicht bald mal beeilst, tu ich’s«, drohte er. »Ich will mich endlich auch umziehen.« Da ließ sie den pitschnassen BH auf den nassen Pulli fallen und zog eins seiner T-Shirts an, das ihr bis zu den Oberschenkeln reichte. Sie zog einen Pullover darüber und schlüpfte dann in eine Schlafanzughose mit Gummizug.
»Fertig.«
»Wurde auch langsam Zeit«, sagte er. »Ich erfriere.« Als er sich umdrehte, huschte sein Blick über ihren Körper. »Meine Klamotten stehen dir besser als mir«, bemerkte er. Sie spürte, wie sie rot wurde, doch er durchwühlte schon die T-Shirts und Pullover, die sie übriggelassen hatte. »Jetzt muss ich aus meinen nassen Sachen raus«, sagte er in angemessenem Tonfall. »Aber meinetwegen musst du dich nicht umdrehen. Ich bin Franzose – das heißt, ich bin nicht prüde.« »Und ob ich mich umdrehe!«, sagte sie, doch da hatte er sich schon aus seinem nassen T-Shirt geschält. Jetzt konnte sie es auch gleich sein lassen.
Oder?
Sein milchkaffeebrauner Oberkörper war schlank und muskulös und von einer Gänsehaut überzogen. Bibbernd trocknete er sich ab, bevor er rasch ein T-Shirt überstreifte, das genauso aussah wie ihres. Ohne Zögern entledigte er sich auch der nassen Hose und warf sie auf den Stapel mit den nassen Kleidern. Umdrehen, Allie, befahl sie sich, rührte sich aber nicht vom
Fleck.
Während er sich eine trockene Hose über die dunkelblauen Boxershorts zog, bemerkte sie, dass er die durchtrainierten Beine eines Läufers hatte. »Du siehst sehr gut aus«, hörte Allie sich wie aus hundert Meilen Entfernung sagen.
Hey, super. Jetzt bin ich völlig durchgedreht.
Überrascht sah er auf. »Danke«, sagte er nur. »Du bist schön.«
»Ich seh schlimm aus.« Allie setzte sich aufs Bett und überlegte mäßig interessiert, was sie als nächstes sagen würde. Als sie aufsah, hielt er ihr ein Handtuch hin. Mit leerem Blick starrte sie es an. »Für deine Haare«, erklärte er. Doch plötzlich forderte der Stress seinen Tribut, und als er ihr das Handtuch reichte, hielt sie es nur lose in der Hand, während ihre Gedanken zu Christopher und Carter und Gabe wanderten...
Klappe, Hirn! Bitte, Gott, mach dass mein Gehirn die Klappe hält.
Da sie sich nicht rührte, hockte Sylvain sich neben sie aufs Bett und begann vorsichtig ihre Haare trocken zu rubbeln. »Irgendwo «, sagte er, »habe ich mal gelesen, dass man die meiste Wärme am Kopf verliert, wenn einem kalt ist. Selbst wenn der übrige Körper mollig warm ist, kannst du immer noch frieren, wenn dein Kopf kalt ist. Ich finde das sehr eigenartig, du nicht?« Als seine kalten Hände ihren Nacken berührten, schauderte sie. »Was war das vorhin, Allie?«, fragte er. »Warum bist du einfach so weggerannt?«
Sie schloss die Augen. »Ich hab manchmal so Panikattacken. Ich krieg dann keine Luft mehr.« Sie machte eine vage Handbewegung. »Klaustrophobie. Aber« – sie öffnete die Augen wieder – »du darfst keinem was davon erzählen, okay?« Er hörte auf zu rubbeln. »Was erzählen? Dass du eine Panikattacke gehabt hast? Selbstverständlich nicht.« »Aber nein, Sylvain«, sagte sie so leidenschaftlich, dass es sie beide erstaunte, »bitte erzähl Isabelle nichts von Christophers Brief.« Er ließ das Handtuch fallen und setzte sich so, dass er ihr Gesicht sehen konnte. »Ich habe es versprochen, und deshalb werde ich es auch nicht tun. Dafür musst du mir versprechen, dass du morgen Abend nicht zu dem Treffen mit Christopher gehen
wirst.« Aber ich muss ihn sehen!«, rief sie und erwiderte seinen Blick. »Ich muss herausfinden, was passiert ist. Er ist der Einzige, der es mir erzählen kann. Sylvain, er ist mein Bruder.« (…)

Allie.«
Sie hatte Christopher nicht bemerkt. Nun stand er am anderen Ufer und sah sie aus ruhigen Augen an, die genauso grau waren wie ihre. »Oh.« Bei seinem Anblick durchfuhr sie ein realer, körperlicher Schmerz. Sie schlug die Hand vor den Mund und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Mann, ist der alt geworden!
Sein widerspenstiges hellbraunes Haar war kurzgeschoren, und er wirkte irgendwie größer als früher. Sie kannte ihn immer nur in Jeans und T-Shirt. Nun aber trug er Anzug und Krawatte, und das dunkle Sakko bedeckte die breiten Schultern eines Mannes.
Erst als er lächelte, erkannte sie den sechzehnjährigen Jungen wieder, der ihr bei den  Hausaufgaben geholfen und sie von der Schule abgeholt hatte. »Ich wusste, dass du mich nicht hängen lässt.«
»Christopher, ich hab dich so vermisst!« Unter Tränen erwiderte sie das Lächeln. »Ich musste einfach wissen, ob es dir gut geht. Deine Haare sind so ... kurz.« Das ist ja mal ne tolle Begrüßung – nachdem man sich so lange nicht gesehen hat. Allie errötete. Doch er schien nichts dabei zu finden. »Und aus dir ist ein wunderschönes Mädchen geworden«, sagte er. »Kein Wunder, dass alle Jungs in dich verliebt sind. Und in der Schule hast du lauter Einsen, wie ich höre. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich, Alliecat.«
Während er sprach, überlegte sie, woher er all das über sie wusste, doch als er sie bei ihrem alten Kosenamen nannte, waren diese Gedanken wie weggewischt. »Ach, Chris, ich vermiss dich so«, sagte sie noch einmal und streckte ihm die leeren Hände entgegen. »Warum bist du fortgegangen?« Sein Lächeln verschwand. »Das weißt du inzwischen doch, oder?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab nicht die leiseste Ahnung. Also, ich weiß natürlich, dass  Lucinda Meldrum unsere Großmutter ist und dass Mum hier zur Schule gegangen ist und uns
nichts davon erzählt hat, aber das ist ...«
»Du weißt also, dass sie uns ein Leben lang belogen hat.« Der Christopher, den sie kannte, war wieder verschwunden. An seine Stelle war ein Mann voller Groll getreten, der sie über das Wasser hinweg zornig anstarrte. »Und dass sie und Isabelle sich zusammengetan haben, damit wir über unsere Herkunft im Dunklen bleiben. Und dass unsere Großmutter ...« – er  puckte das Wort voller Verachtung aus – »uns jetzt unser Familienerbe vorenthält. Das weißt  u doch, oder?« »Moment mal, Christopher. Warte, warte, warte ...« Allie versuchte, diesem Giftschwall etwas entgegenzuhalten. »Ich glaube nicht ... Inwieweit enthält Lucinda uns unser Erbe vor?«
»Sie weigert sich, uns als Teil ihrer Familie anzuerkennen, Allie«, sagte er. »Wieso weißt du das nicht? Und alles nur wegen Isabelle. Weißt du, Allie« – er trat näher ans Ufer heran, und der Mondschein tauchte sein Gesicht in ein geisterhaft fahles Licht – »Isabelle verfolgt einen Plan. Das musste ich dir sagen. Sie hat Lucinda bequatscht und genießt jetzt ihr Wohlwollen – offensichtlich an unserer Mutter statt. Was Isabelle im Augenblick am allerwenigsten gebrauchen kann, ist, dass zwei Kinder ankommen, echte Blutsverwandte, und ihren rechtmäßigen Platz als Lucindas Erben einnehmen. Deshalb hält sie dich hier in Cimmeria, wo sie dich ungehindert kontrollieren kann, fernab vom Geschehen.« Sein Gesicht war so wutverzerrt, dass Allie der Atem stockte. Er sieht völlig gestört aus, dachte sie, und das Herz  wurde ihr schwer.
»Ich für meinen Teil werde bei ihren Spielchen nicht mitmachen «, fuhr er fort. »Nathaniel hat einen Plan, Allie. Einen guten Plan. Er wird Isabelle entmachten und sie kaltstellen. Er wird die Leute zum Teufel jagen, die die Geschicke der Organisation in den letzten zwanzig Jahren gelenkt haben, und dann« – er schlug sich mit der Faust in die Hand – »dann weht hier ein anderer Wind.« Allie war plötzlich froh, dass ein reißender Bach zwischen ihnen lag.
»Bist du sicher, dass du ihm vertrauen kannst, Christopher?«, fragte sie vorsichtig und doch  bestimmt. »Ich meine ... Wieso vertraust du ihm und Isabelle nicht? Auf mich macht Isabelle keinen sonderlich machthungrigen Eindruck ..., « »Ach, mach dich nicht lächerlich, Allie«, schnitt Christopher ihr das Wort ab. »Schau dich doch nur mal um. Wo befindest du dich? Auf einer Schule, die Könige, Regierungschefs und Bankiers ausbildet ... Deine Mitschüler werden eines Tages die Welt regieren. Isabelle ist ihre Galionsfigur, und du glaubst, sie sei nicht machtgierig?« Er klang ungläubig. »Blödsinn. Und wie machtgierig sie ist! Gieriger als irgendjemand sonst.« (…) Du weißt, was es mit Cimmeria auf sich hat, nicht wahr? Dass es Teil von etwas Größerem ist, meine ich? Wenn er die Organisation leiten würde, könnte er es wirklich schaffen, Allie. Er könnte alles verändern. Alles in Ordnung bringen.« Allie wusste nicht, wovon er redete. Alles verändern? Alles in Ordnung bringen? Er hob die Hand. »Auf  Wiedersehen, Allie. Und keine Sorge, wir passen auf dich auf. Wir haben jemand bei euch drin.« »Wer ...?«, rief sie ihm nach. Doch er war schon zwischen den Bäumen verschwunden.

Sie hatte es fast auf den Hauptweg geschafft. Als sie einem großen Ast auswich, der in den  Weg ragte, löste sich plötzlich ein Schatten aus dem Wald. Und im nächsten Augenblick bekam sie einen Faustschlag in die Magengrube, dass sie atemlos der Länge nach hinfiel. Bevor sie sich aufrappeln konnte, hatte die Gestalt die Arme um ihren Oberkörper  geschlungen und schickte sich an, sie in den Wald zu schleifen. Alles passierte so schnell, dass ihr keine Zeit blieb zu reagieren oder auch nur zu schreien. Keine Zeit für einen Würgegriff oder eine Abwehrtechnik. Eben noch war sie über den Pfad gelaufen. Und im nächsten Augenblick hatte jemand sie geschnappt.

 

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