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Band 3 Night school. Denn Wahrheit musst du suchen erstes Kapitel

Night School. Denn Wahrheit musst du suchen - Erstes Kapitel

Allie steckte das Handy ein und kuschelte sich in ihre schwarze Jacke. Da sie dazu eine dunkle Jeans trug, war sie im spätnachmittäglichen Dämmerlicht praktisch unsichtbar.
Nervös sah sie auf ihre Uhr. Sie wartete nun schon seit zwanzig Minuten. Wenn das noch sehr viel länger dauerte, dann …
Sie musste heft ig schlucken.
Vor ihr lag das imposante schwarze Eisentor mit den scharfen Spitzen obendrauf. Soweit sie wusste, war das der einzige Zugang zum Schulgelände der Cimmeria Academy. Es befand sich etwa ein paar Hundert Meter vom Internatsgebäude entfernt und konnte nur per Fernbedienung geöff net werden, die im Büro der Rektorin unter Verschluss war.
Autos waren ohnehin eine Seltenheit in Cimmeria. Die meisten Lehrer und Angestellten lebten auf dem Gelände. Freilich kamen jeden Tag Lieferwagen und Postautos, nicht zu vergessen die Wachleute, die für Raj Patel arbeiteten. Allie hatte die Wachen eine Zeit lang beobachtet und herausgefunden, dass sie um acht, sechzehn und vierundzwanzig Uhr Schichtwechsel hatten. Es war nun kurz vor vier, und wenn sie Glück hatte, würde bald jemand durch dieses Tor fahren, ehe sie entdeckt wurde.

Ihr Versteck befand sich in unmittelbarer Nähe der Stelle, an der Jo getötet worden war. Die Erinnerung an jene Nacht vor sechs Wochen quälte sie noch immer. Wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder alles vor sich – die weiße Schneedecke, den zerbrechlichen Körper, der wie eine Stoff puppe leblos auf der Straße lag … und die Blutlache, die in den Schnee hineinwuchs wie die Blütenblätter einer tödlichen Blume.
Sie machte die Augen wieder auf.
Heute war da nur ein menschenleerer Waldweg.
Soll ich wirklich?, fragte sie sich unablässig, seit sie das Tor erreicht hatte. Ein Teil von ihr wollte einfach losheulen oder zurück auf ihr Zimmer rennen. Beides tat sie nicht. Stattdessen wappnete sie sich.
Sie musste hier raus.
Ein eisiger Wind schüttelte die Bäume in ihrer Umgebung und sandte einen Schauer eisiger Regentropfen auf sie hernieder. Bibbernd wickelte sie sich den Schal enger um den Hals. Das Rauschen im Geäst überdeckte den näher kommenden Motorenlärm. Als sie ihn endlich registrierte, waren in der Ferne schon die Scheinwerfer zu sehen.
Sie duckte sich, um nicht vom Lichtkegel erfasst zu werden, und wartete startbereit wie die Leichtathletin, die sie bis vor ein paar Wochen gewesen war, bis zu dem Überfall. Die Haltung verursachte ihr Schmerzen am zerschundenen Körper – insbesondere am Knie –, doch sie ignorierte sie. Auf ihren Körper zu hören, dafür war jetzt keine Zeit. Jetzt war abhauen angesagt.
Atemlos beobachtete sie durch das Gitter des Zauns, wie der Wagen langsam auf das Tor zufuhr und schließlich anhielt.
Das war ihre Chance. Ihre einzige vielleicht.

Doch erst mal tat sich gar nichts. Das Pochen in Allies verletztem Knie wurde schlimmer. Sich ruhig zu halten kostete sie entsetzliche Mühe. Sehr viel länger würde sie das nicht schaffen.
Sie schloss die Augen und versuchte das Tor durch reine Willensanstrengung zu öffnen, doch es rührte sich nicht. Irgendwas stimmte da nicht.
Vielleicht wissen sie längst Bescheid. Vielleicht hat Raj seine Wachmänner losgeschickt, damit sie mich schnappen. Vielleicht sind das schon seine Leute.
Ihr Mund war ganz trocken. Das Atmen fiel ihr schwer. Dann setzte sich das große schmiedeeiserne Tor zitternd in Bewegung und ging mit einem metallischen Quietschen auf.
Allie zählte leise ihre Atemzüge mit – als sie bei acht war, kam das Tor mit einem Scheppern zum Stehen. Es stand nun komplett off en. Die Straße dahinter beschrieb eine Kurve und verschwand im dunklen Wald. In der Dämmerung sah es so aus, als würde sie gleich hinter dem Tor aufhören – als gäbe es da draußen gar keine Welt mehr. Allie wusste nicht, was geschehen würde. Wie aufmerksam Nathaniel die Schule eigentlich überwachte. Aber das spielte nun keine Rolle mehr.
Sie zog das Handy aus der Tasche und ließ es unter einen nahe gelegenen Baum fallen. Es würde ihr ohnehin nichts mehr nützen – und konnte jederzeit geortet werden. Sie musste sich einfach darauf verlassen, dass Mark sich an ihre Vereinbarung halten würde.

Der Wagen musste jetzt nur noch weit genug ins Schulgelände hineinfahren, damit sie entwischen konnte, ohne vom Fahrer bemerkt zu werden. Doch quälend lange passierte erst mal gar nichts. Der Wagen blieb stehen, und der Motor tuckerte im Leerlauf vor sich hin, wie eine Katze, die schnurrend mit ihrer Beute spielt. Von ihrem Versteck aus konnte Allie den Fahrer nicht sehen.
Was ist denn los, verdammt noch mal? Jetzt fahr endlich, Mann!, hätte sie am liebsten gebrüllt. Als sie schon dachte, sie wäre endgültig aufgeflogen, setzten sich die Reifen des schwarzen Audi knirschend in Bewegung, und der Wagen fuhr langsam über den Kiesweg auf die Schule zu.
Beinahe zeitgleich setzte sich auch das Tor wieder in Bewegung, doch Allie wagte es nicht, sich zu rühren. Das Auto war immer noch zu nahe – der Fahrer hätte sie im Rückspiegel sehen können. Mit angespanntem Körper und brennenden Muskeln wartete sie, die Augen fest auf das Tor gerichtet. Fahr endlich außer Sichtweite!
Doch der Wagen schien sich bewusst Zeit zu lassen. Als wüsste der Fahrer, dass ich da bin.
Bei dem Gedanken wurde ihr ganz anders. Sie holte tief Luft , um sich zu beruhigen.
Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, Allie!, schalt sie sich. Reiß dich zusammen! Wenn er wüsste, dass du da bist, wäre er doch schon längst ausgestiegen.
Sie sah zu, wie sich das Tor langsam schloss, und zählte die Atemzüge.
Drei. Vier. Fünf.
Es war nun beinahe zu. Der Wagen war zwar immer noch in Sichtweite, doch sie hatte keine Wahl – wenn sie es jetzt nicht versuchte, dann würde sie nie hier rauskommen.
Und das kam nicht infrage.
Sie schnellte aus ihrem Versteck zwischen den Bäumen und rannte los. Das Knie schmerzte, ihre Lungen brannten. Die Lücke zwischen Tor und Zaun wirkte winzig klein. Zu klein. Hatte sie sich verkalkuliert?
War es zu spät?

Dann hatte sie das Tor erreicht. Ihre Hände umklammerten die kalten Gitterstäbe, als könnte sie sie so aufhalten. Doch das Tor funktionierte automatisch – es ließ sich nicht stoppen. Unaufhaltsam schloss es sich, erbarmungslos. Allie zögerte trotzdem nicht und schoss durch die enge Lücke. Die Gitterstäbe zerrten an ihrer Jacke wie knochige Finger und rammten ihre Schulter mit einer solchen Wucht, dass sie vor Schmerzen
durch die Zähne pfiff .
Mit einem unterdrückten Schrei riss sie sich los und stolperte auf die andere Seite, während das Tor sich scheppernd schloss.
Sie war frei.

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